Richtige Männer verkraften viel

Tagblatt Online, 08. März 2012

 

 

 

 

Die «Bonsai»-Armdrücker von Ricken haben sich an der Schweizer Meisterschaft vom vergangenen Samstag acht Medaillen erkämpft. Für Michael Scherrer und Remo Hollenstein gehört auch der Kampf gegen die Vorurteile zum Alltag.

URS HUWYLER

 

ARMSPORT. Fast jeder hat schon mal in der Schule als Armdrücker brillieren wollen oder an einem Stammtisch mit einem möglichst schwächeren Kollegen um ein Freibier gedrückt. Und vielleicht die schmerzliche Erfahrung machen müssen, dass der kleine Schlanke trotz des kleineren Bizeps triumphierte. «Nicht die Rohkraft und der Körperbau entscheiden über Sieg und Niederlage, sondern Technik und Taktik sind ebenso wichtig. Die Duelle werden im Kopf entschieden. Wer trotz Schmerzen an die Grenzen gehen kann, gewinnt», betonen der neue Schweizer Meister Michael Scherrer aus Libingen und der ebenfalls aus Libingen stammende Bronze-Gewinner Remo Hollenstein, der im nationalen Verband als Vizepräsident mitarbeitet und heute in Dietfurt lebt.
 
Ein Armdrücker kennt demnach keinen Schmerz. «Und er braucht ihn zum Leben», ergänzen die an einem Tisch mit Ellbogen-Kissen und Haltegriffen stehenden Gladiatoren lachend. «Die Belastung ist enorm. Normalerweise brauchen wir nach einem Turnier rund drei Wochen, um voll einsatzfähig zu sein.» Rechtshänder Michael Scherrer überstand die Titelkämpfe (-75kg) im Konzertsaal von Langendorf ungeschlagen mit links, Remo Hollenstein (-80kg) wurde Dritter mit rechts. Beide klassierten sich mit dem schwächeren Arm auf Rang fünf. Wer zweimal verliert, scheidet aus. Die erste Niederlage bringt die Verbannung in die Verlierer-Pyramide. Mit einem Sieg erfolgt die Rückkehr zu den Gewinnern.
 
Sportart wie andere auch
 
Am Tisch kämpfen sie Hand in Hand um Siege, in der Öffentlichkeit wie viele Randsportarten gegen Vorurteile. «Wir sind Sportler, trainieren mehrmals pro Woche, trinken kaum Alkohol und achten auf die Ernährung», wollen die zwei Armdrücker aus Leidenschaft klargestellt haben. «Ich fahre pro Jahr rund 15 000 Kilometer – um an Wettkämpfen teilzunehmen. Aber es macht Spass, man kennt sich auch im Ausland, ist irgendwie eine grosse Familie», beschreibt der 22jährige Michael Scherrer den Ist-Zustand. «Für uns ist es ein Hobby geblieben», ergänzt Remo Hollenstein, «es gibt keinen attraktiveren Kampfsport».
 
Im Berufs- und Weiterbildungszentrum in Wattwil hatte sich Michael Scherrer während der Sportwoche erstmals als Armdrücker versucht. Rund zweieinhalb Jahre später darf er sich in der Klasse bis 75 Kilogramm vor seinem Clubkollegen Cello Giemali als Schweizer Meister feiern lassen, kann dank des nationalen Titels Mitte Mai an der Europameisterschaft in Polen und vier Monate später im brasilianischen Sao Vicente an der WM starten. Möglicherweise wird auch der 30jährige Remo Hollenstein dabei sein. Pro Gewichtsklasse dürfen zwei Athleten einer Nation starten. Der Meister wird gesetzt, der Zweite und Dritte drücken das zweite Ticket in einem speziellen Kampf aus.
 
Kein Amateur-Verein
 
Von der ersten Sekunde lässt sich beim weder an Popeye noch die Sixpack-Zunft erinnernden Duo die Begeisterung spüren. Die Muskeln erwecken nicht den Eindruck, ihnen sei mit Grauzonen-Präparaten statt Spinat und Dinkel-Riegeln nachgeholfen worden. «Nahrungsergänzungsprodukte können auch für Nichtsportler sinnvoll sein», halten sie fest und lassen sich nicht in die Ecke mit den unerlaubten Mitteln drücken. Schliesslich hätten die Armdrücker das Hirn nicht in den Oberarmen und die viel zitierten Beizen-Duelle entsprächen höchstens Grümpelturnieren im Fussball.
 
Der erfolgreiche Club auf dem Ricken gehört mit je zweimal Gold (Christoph Ladu, Michael Scherrer), dreimal Silber (Claudio Biderbost, Cello Giemali je links und rechts) sowie dreimal Bronze (Remo Hollenstein, Fredi Brunner, Christoph Ladu) zu den erfolgreichen nationalen Vereinen. Aber was bedeutet «Bonsai» im Clubnamen? «Wir sind klein und stark», liefern Remo Hollenstein und Michael Scherrer die Erklärung. Im Osten wachsen dagegen Mammutbäume. «Die Spitzenathleten können dort teilweise vom Armdrücken leben. Wir sind dagegen reine Amateure, die nach Feierabend trainieren.» An internationalen Titelkämpfen gehören die Toggenburger «Bonsaier» deshalb nicht zum engsten Favoritenkreis. «… und wir werden Weltmeister», ist im Clublokal trotzdem an der Wand mit den Fotos und Plakaten zu lesen.
 
Schmerzen gehören dazu
 
Ob die starken Männer links oder rechts kämpfen, mit den richtigen Armdrückern sollte man sich nicht auf einen Kampf einlassen. Die Siegeschancen stehen bei null. «Wer's nicht glaubt, soll bei uns ein Training besuchen und bei einzelnen Übungen mitmachen», laden die Sportler ein. Und warnen gleichzeitig: Während der Tage danach sei der Arm wegen der speziellen Belastung kaum mehr zu gebrauchen. Michael Scherrer ging vielleicht zu forsch ans Werk. Nach drei Wochen spürte er seinen Arm wieder so wie vor dem ersten Training. «Aber das verkraftet ein richtiger Mann», schiebt Remo Hollenstein schmunzelnd nach.